Tante Rita

Meine Tante heißt Rita.
Zack, mit Nachnamen.
Rita Zack, ein Name, der Programm ist.
Das lässt einen gleich in Deckung gehen, weil man schon ahnt, was kommt:
bei Rita hat Humor keine Chance!

Tante Rita ist besorgt. Sie ist Pädagogin, und für diese Berufsgruppe ist Besorgtheit der Normalzustand. Weil der Mensch ja am Anfang noch keiner ist, sondern ihm erst mühsam beigebracht werden muss, was es heißt, ein Mensch zu sein. Der grobe Klotz ist zu formen. Er wird gebildet.

„Sitz gerade,“ sagt Tante Rita.
„Lass die Hände auf dem Tisch. Wir sind hie nicht in den Staaten.“

Seufz, Rita ist im Dauereinsatz und anscheinend findet sie auch an mir noch ausreichend Modellierpotential.
„Man führt die Tasse zum Mund und nicht umgekehrt.“

Naja, Lappalien. Wer nicht lehrt, der kommt aus der Übung. Und Übung macht bekanntlich den Meister. Oder den Bischof.

Die Sommerferien sind für Tante Rita eine Qual. Überall entdeckt sie junge Leute, die n. i. c. h. t. s. tun, sondern ungebildet in der Botanik hocken. Könnte man die nicht in den Ferien in die Schule schicken und sie etwas Sinnvolles machen lassen?
Und überhaupt: Lernen und Leben sind eins.

Jedenfalls für Tante Rita.

Lernen heißt: sich einen Stoff aneignen, den andere einem vorsetzen.
Andere Wege sind für sie undenkbar.
Oder die Vorstellung, dass auch junge Menschen längst komplette Menschen sind.
Dass sie ernstzunehmen sind und einen nicht-normierten Blick auf die Welt haben.

Binsenwahrheiten, ich weiß.
Aber bei Tante Rita ist das alles in die Binsen gegangen.
Sie weiß, was gut ist, während alle anderen um sie herum strunzdumm sind.
Das nennt man pädagogische Fehlhaltung.

Tante Rita doziert weiter, ohne Rücksicht auf Verluste.
Ich werde ungeduldig.

„Nimm das Messer in die gute Hand.“
„Ach, halt doch die Klappe,“ sage ich.

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