Die Sonne scheint

Vielleicht ist die gegenwärtige Wetterlage ein präziser Kommentar zu unserer Lage.
An geschützten Ecken wärmt die Sonne und lässt Wangen und Nase rot werden.
Ich setze mich dem Licht aus und freue mich über den Nachmittag. Aufbrechende Knospen. Vogelgesang. Frühling!
Als die Sonne am Abend verschwindet, verändert sich die Situation schlagartig. Die Luft wird eisig, sehr eisig. Fröstelnd trete ich den Heimweg an.

Wir leben gerade auf brüchigem Grund. Zumindest erscheint uns das so. Aber vielleicht haben wir vorher zu lange geträumt, eingelullt von all den Annehmlichkeiten, die uns ohne lange Umwege zur Verfügung standen. Der Grund ist immer brüchig und das Leben gefährlich-zerbrechlich. Zeit, die Augen zu öffnen. Es sollte unsere besten Fähigkeiten wachrufen.

Ferne ist die neue Nähe

Seit gestern gehen sich alle aus dem Weg, wenn sie sich draußen begegnen. Nach wie vor sind die Menschen unterwegs, um dem cabin fever zu entgehen. Aber die Grüppchen sind kleiner geworden.
 
Auf meinem Weg kommt mir eine ältere Dame entgegen. Ich gehe noch einen Schritt weiter nach rechts, während sie auf ihrer Seite das Gleiche tut. Wir sehen uns an, und dann schenkt sie mir ein Lächeln, das alle Distanz mühelos überbrückt.
Sie wird an diesem Tag nicht die Einzige bleiben. Es ist als würde einem ständig das Herz gestreichelt.

Es würde mich freuen, wenn es so etwas auch nach Corona gäbe.

Die Engel des Alltags

Sie versorgen die Alten in den Heimen. Sie arbeiten auf Intensivstationen. Sie tragen die Post aus. Sie sitzen an den Kassen der Supermärkte. All jene, die sonst unbeachtet bleiben, treten mit einem Mal ins Rampenlicht. Es wird deutlich, wie unverzichtbar ihre Arbeit ist. Danke dafür! Danke an alle, die im Schatten der Aufmerksamkeit wirken. Für ihre  Unerschrockenheit und ihre Treue.
Die Pflegekräfte und Ärzt*innen erhalten Applaus von den Balkonen. Den Postzustellenden könnte man sagen, wie sehr man es schätzt, dass sie weiterhin da sind. Und den Kassierer*innen?
Ich stelle mir vor, ich bin im Supermarkt und auf ein Zeichen hin beginnen alle zu klatschen.
Applaus für die Engel des Alltags!

Die Sache mit dem Klopapier.

Wer hätte gedacht, dass Klopapier einmal Goldstatus erlangen würde? Gerade komme ich vom Einkaufen. Kein Klopapier, nirgends. An der Drogerie werden Haushaltsrollen abgegeben, eine Packung pro Person. Ich verzichte.
Was ist los? Warum werden manche zu wahren Klorollen-Fetischisten? Wie viele Rollen hält die Statik aus, und was ist, wenn’s brennt? Irgendein Spaßvogel muss in die Welt gesetzt haben, dass Corona eine Dauer-Diarrhoe verursacht. Ich überlege, mein Erspartes in Klopapier-Aktien anzulegen. Aber vermutlich hat der Kurs längst Rekordwerte erreicht.

Warum Klopapier? Was treibt solche Leute? Egoismus vermutlich. Der Versuch, die eigene Haut zu retten. Leider die verkehrteste Reaktion, zu der man sich hinreißen lassen kann.  Wir müssen uns gegenseitig unterstützen und aufeinander achten. Wenn jetzt tonnenweise Klorollen nach Hause gekarrt werden, schadet das allen – auch den Hamsterern.
Warum Klopapier? Vermutlich aus Angst. Wer die Hose voll hat, braucht eben einen riesigen Vorrat. Angst macht nicht nur blind, sondern auch gefährlich. Und am Ende gilt die alte Weissagung der Cree: „Erst wenn das letzte Regal leergekauft, der letzte Supermarkt gestürmt, die letzte Rolle vergriffen ist, werdet ihr merken, dass Papier Euch nicht retten kann.“

Herzlich willkommen!

Persönliche Begegnungen, Gespräche und Zusammenkommen sind derzeit schwierig bis nahezu unmöglich. Trotzdem wollen wir uns nicht aus den Augen verlieren. Hier melden sich Menschen aus der Evangelischen Jugend zu Wort, um Euch zu grüßen, zu ermutigen und zu begleiten.
Alle sind herzlich eingeladen, die Beiträge zu kommentieren und weiterzuerzählen.

Wenn Ihr Impulse und Ideen für uns habt oder mitschreiben wollt, dann meldet Euch gerne bei uns: glaubejugendhoffnung@ejh.de

Was ich tun kann.

Seit gestern ist für uns alle Home-Office verordnet. Ich sitze am Rechner und schaue aus dem Fenster. Ein kleines Mädchen übt das Fahrradfahren im Sonnenschein. Mein Nachbar humpelt auf Krücken vorbei, er hatte gerade eine Knie-Op, und ich grüße ihn stumm als Leidensbruder.

Die Situation hat etwas Surreales: eine Gefahr, die unsichtbar über uns allen hängt, während gleichzeitig der Frühling auf Hochtouren läuft: Tod und Leben eng beieinander.  Ich überlege, was ich tun kann. Schreiben: kleine Mutmacher-Impulse in die Welt senden. Menschen, die mir nahe sind, anrufen. Auf jeden Fall beschließe ich, nicht in Panik zu verfallen.

Am Kirchturm kämpfen die Dohlen mit den Turmfalken um die besten Nistplätze. Es ist ein bißchen so wie mit manchen Leuten in den Lebensmittelläden, die plötzlich Dinge in Massen nach Hause schleppen, für die sie noch vor kurzem kaum einen Blick gehabt hätten. Ich notiere mir: nicht nur gegen die Angst angehen, sondern auch gegen den Egoismus. Wenn alle Maß halten, ist für alle gesorgt. Oder wie ich es in niederländischen Podcasts gehört habe: nicht einer braucht alle Nudeln, aber alle brauchen Nudeln.