Vorwarnung: das wird ein langer Artikel – ist aber wichtig!

Corona comes back! Die Fallzahlen steigen, überall. Eine zweite Welle droht.
Und dann?
Alles wieder auf Start? Kinder und Jugendliche zurück in den elterlichen Raum?

Nein, so wie beim ersten Mal darf es nicht wieder werden!

Verschiedene Vertreter aus Kirche und Gesellschaft haben sich Gedanken gemacht und eine Initiative Niedersächsischer Ethikrat gegründet. Ihr gehören an: Diverse Kirchenleute aus den beiden großen Kirchen, darunter unser Landesbischof Ralf Meister, die Präsidentin der Ärztekammer und Professoren verschiedener Fachbereiche.

Eine hochkarätige Besetzung also, die vielleicht etwas in Gang setzen kann in den politischen Entscheidungsfindungen. Sie alle eint die Überzeugung, dass bei dem nächsten Ausbruch nicht wieder über die Köpfe der Bürger*innen entschieden werden darf. Bedeutende  gesellschaftliche Gruppen der Gesellschaft sind in die Entscheidungsprozess einzubeziehen.

Der für uns wichtigste Beitrag stammt von Jürgen Manemann, Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover. Sein Blick richtet sich auf Kinder und Jugendliche – und das nicht nur im Hinblick auf Schule und Bildung.

In einem fünfseitigen Papier Mehr Perspektiven für junge Menschen in der Corona-Krise schlägt er vor, partizipative Verfahren stärker in den Blick zu rücken und ethische Perspektiven politischen Handelns für Niedersachsen aufzuzeigen. 
Es scheint so, als wäre das, was wir seit langem fordern, plötzlich in den klugen Köpfen angekommen.

Besser spät als nie!

Nun liegt es an uns Beruflichen, an der Evangelischen Jugend, der aejn sowie dem Landesjugendring, den Gesprächsfaden aufzunehmen und möglichst viele junge Menschen zu aktivieren. Man darf die Erwachsenen jetzt nicht allein machen lassen!

Die 5 Kernthemen des Papiers sowie eine Auswahl der sie begleitenden Fragen:

  1. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sind nicht nur Adressaten staatlicher Maßnahmen, sondern aktiv zu beteiligende Mitglieder der Gesellschaft.
     Wie kann die Partizipation der Betroffenen in der jungen Alterskohorte und ihre Teilhabe am politischen Prozess besser realisiert werden? Welche schon bestehenden Initiativen können dafür fruchtbar gemacht werden?
  2. Die Lebens-, Entwicklungs-und Bildungschancen von jungen Menschen müssen deutlich verbessert werden.
    Wie können junge Menschen bessere Chancen auf ein eigenes soziales Leben erhalten und wie kann ihnen mehr Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglicht werden?
  3. Die in der Krise über die Maßen geforderten Familien brauchen mehr Unterstützung und Entlastung.
    Kann „die Familie“ angesichts der vielfältigen Familienformen und der Teilhabe an außerfamiliären Bildungs-und Lebensprozessen wirklich den Rückhalt bieten und geben, der ihr abgefordert und zugemutet wird?
  4. Ein tendenziell stigmatisierendes Verständnis von Risiko und Risikogruppen muss überwunden werden.
    Wie kann ein inklusives Vorgehen aussehen und Stigmatisierung verhindert werden?  Mit welchen Maßnahmen kann jenseits von Verboten für risikoarmes Verhalten geworben werden?
  5. Verantwortung muss stärker gemeinsam getragen werden.   
    Die Fragen lauten: Wie kann auf allen Ebenen gemeinsam Verantwortung geschultert werden, so dass an die Stelle von Aussagen wie: „Das geht aber nicht! Das könnte gefährlich werden“, Fragen treten können wie: „Was kann gehen? Was braucht ihr dafür? Wie bekommen wir das gemeinsam hin?“

Hoffen wir mal, dass die Initiative kein Elite-Zirkel bleibt, sondern dass es gelingt, zumindest die organisierten Gruppierungen von Jugendlichen einzubinden, ihnen zuzuhören und sie wirklich mitbestimmen zu lassen.
Ob das geschieht, liegt auch in unserer Hand.

Verdammt, die Jugend!

Der Langenscheidt-Verlag hat eine gute Idee gehabt. Das Jugendwort des Jahres soll in diesem Jahr nicht von einer Erwachsenenjury gekürt werden, sondern von den Jugendlichen selbst.

Das ist ziemlich in die Hose gegangen.
Jedenfalls  aus Sicht der Erwachsenen.

Denn das meistgenannte Wort war Hurensohn.
Au weiah!

So würde ich nicht mal Donald Schlumpf bezeichnen, auch wenn ich weiß, dass diese Bezeichnung inzwischen dabei ist, sich von einem Schimpfwort zu einer Art Ehrentitel zu wandeln.

Doch hat sich das noch nicht richtig herumgesprochen. Und ich stelle mir mit Schrecken vor, wie es wäre, wenn die Evangelische Jugend einen kirchlichen Würdenträger begrüßt mit den Worten: „Wir freuen uns sehr, dass XY heute bei uns ist, dieser alte H…“

So haben auch die Erwachsenen bei Langenscheidt gedacht und freundlich abgewunken. „Nee, liebe Leute, das wird nix.“
Aber es gibt Alternativen: Mittwoch zum Beispiel (Mittwoch?), wyld, Brüh, no front oder Schabernack.

Bis zum 10. August könnt ihr noch Vorschläge einreichen (hier klicken). Anfang Oktober wird dann bekannt gegeben, wer das Rennen gemacht hat.

Und was lernen die Erwachsenen aus dieser ganzen Geschichte?
Dass in aller Verlässlichkeit auf euch kein Verlass ist, ihr unzuverlässigen Jugendlichen!
Da haben sie sich so etwas Schönes ausgedacht, und dann macht ihr alles kaputt mit eurem schrägen Humor.
Lustig darf man schon sein, aber alles hat Grenzen. Das ist nicht zum Lachen!
Man sieht einfach, wie unreif ihr noch seid, während sie lauter vernünftige Entscheidungen treffen und die Welt zu dem gemacht haben, was sie jetzt ist.

Oh, mein Gott!

Unzuverlässig und unvernünftig ist manchmal vielleicht gar nicht so schlecht. Seid wyld, Brühs, besonders am Mittwoch und treibt ordentlich Schabernack. No front!

Übrigens ist derzeit ein neues Wort im Umlauf, das gerade durch die Decke geht:
Zensurensöhne.

Person, Frau, Mann, Kamera, TV.

Donald Shrimp (der Name wurde zum Schutz der Person wie immer geändert), Präsident der USA, hat einen Test gemacht und davon erzählt.
Er musste folgende Wortreihe wiederholen:  Person, Frau, Mann, Kamera, TV, was er tadellos hinbekam.
Außerdem musste er benennen: eine Schlange, einen Elefanten, ein Krokodil, was er ebenfalls ohne Fehl und Tadel löste. Wir sind beeindruckt.
Es kommt noch besser. Nach ca. 20 Minuten wurde er abermals nach der Wortfolge gefragt, und wieder, sozusagen wie aus einem Gewehr der Rifle Association geschossen, knallte er den Untersuchenden die Wortfolge hin.
Die waren verblüfft.

Und als sie ihn 10 Minuten später abermals befragten und Mr. Shrimp ihnen wiederum die korrekte Antwort servierte, waren sie schier aus dem Häuschen.
Shrimp in dem Interview mit seinem Lieblingssender Fox News:  „Dann sagen die: Das ist erstaunlich! Wie haben Sie das gemacht? Und dann sage ich, ich habe ein gutes Gedächtnis. Ich bin kognitiv da.“ Die Ärzte hätten ihm auch gesagt, „nur sehr wenige Leute schaffen das. Nur sehr wenige Menschen begreifen das.“

Klar. Kriegt sonst keiner hin. Zumindest niemand, der dement ist. Denn dafür ist der Test gemacht, den Donald, die alte Garnele, so glorreich bestanden hat. Es handelt sich um den „MoCa-Test“, MONTREAL COGNITIVE ASSESSMENT, der bei Personen durchgeführt wird, die Anzeichen von Demenz zeigen.
Am Ende des Tests gibt es noch Fragen, die anzeigen, ob eine Person sich orientieren kann:
Datum – Monat – Jahr – Tag – Ort – Stadt

Wie gesagt, Donald konnte alles beantworten und brillierte bei der Wiederholung der Wortfolge. Mehr braucht es nicht, um Präsident zu sein. Ist ja auch ein einfacher Job.

Wer Lust hat, sich mit Donald Superbrain zu messen, kann ja selbst mal in den Test schauen (hier klicken). Ihr werdet sehen, wie schwer das ist.  

Person. Mann. Äh…

Der Chor der Aufbrechenden

Lasst uns anfangen!
Wir wollen verändern.
Uns fällt etwas ein.
Wir haben keine Angst vor Fehlern.
Wir probieren, bis es klappt.
Wir tun uns zusammen.
Kinder sind klug.
Jugendliche auch.
Wir warten nicht, dass jemand kommt.
Wir gehen raus.
Kirche ist mehr als Gottesdienst.
Gottesdienst ist mehr als sitzen und zuhören.
Wir sind nicht von gestern.
Wir denken quer.
Wir machen auch Schräges.
Wir sind gelassen.
Unsere Gleichung:  Kinder + Jugendliche + Jugendarbeiter*innen = wir.
Man soll Gott mehr gehorchen als den Menschen.
Wir bleiben in Bewegung.
Wir experimentieren.
Wir vertrauen darauf, dass es gut wird.
Wir legen die Hand an den Pflug und blicken nach vorn.
Wir geben nicht auf.
Wir haben Spaß.

Hallo! Rückt doch ein bißchen zusammen. Es ist noch Platz!
Aber achtet bitte auf den Abstand!
(ein Gewirr von Stimmen erfüllt den Kirchraum, immer wieder unterbrochen von hellem Gelächter. Dann setzt Applaus ein wie ein lang anhaltender, sanfter Regen).  

Der Chor der Unwilligen

Das haben wir früher schon probiert.
Das geht sowieso nicht.
Das haben wir ja noch nie gemacht.
Das ist uns zu anstrengend.
Wir warten auf Anweisungen.
Uns fällt nichts ein.
Wir wissen nicht, wie.
Die sollen zu uns kommen.
Nein, nicht im Gemeindehaus!
Wir entscheiden.
Keine Experimente.
Früher war alles besser.
Damals zählte die Kirche noch was.
Wir dürfen die Jugendlichen nicht überfordern.
Kinder können nicht das nicht überblicken.
Wir müssen bewahren, nicht verändern.
Wir bestimmen, wie Partizipation aussieht.
Wir sind hier die Leitung.
Die Leute glauben weniger.
Wir wollen uns keinen Ärger einhandeln.
Da kann man nichts machen.
Wir müssen mal sehen.
Man soll den Menschen mehr gehorchen als Gott.
Das geht uns jetzt zu schnell.

Hallo? Ist da jemand?
(langsam verhallt das Echo im leeren Kirchenraum.
Nur der Staub knistert noch ein wenig, ehe es still wird. Ganz still.)


Geld und Werte

Was für ein Ringen!
Nach 4 dramatischen Verhandlungstagen haben sich die 27 Regierungsschefs der EU zu einem Kompromiss zusammengerauft und schmeißen nun 1,8 Billionen (!) Euro auf den Markt, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Niemand kann sagen, ob das gelingt. Im Grunde wird ja nur versucht, einen Scheintoten auf lebendig zu schminken bis zur nächsten Krise, die so sicher kommen wird wie die nächste Rundverfügung.

Dass am Ende ein Kompromiss herausgekommen ist, bietet keinen Anlass zur Klage.
Versucht ihr mal, euch mit 26 anderen Leuten auf ein Ziel zu einigen. Demokratie springt niemals elegant über die Hürden. Sie nimmt sie irgendwie. Doch das ist allemal besser als der Auftritt der Putins (ist der eigentlich getauft? Dann könnte eine sagen: „Übrigens, ich bin die Patin vom Putin.“), Erdoghans und Konsorten. Die räumen die Hürden vorher beiseite, springen und lassen sich dann bejubeln.

Nun ja, kleines dickes Europa donnert meist erst mal dagegen, ehe es sich dann über die Hindernisse wurstelt. Egal! Hauptsache drüber!

Dieses Mal allerdings nicht!

Denn im Eifer des Verhandelns und Kompromisse-Schließens hat man eine Barriere niedergerissen, die unbedingt stehen bleiben muss: die Rechtsstaatlichkeit.
Victor Orban, der Goulasch-Despot aus Ungarn und  Jarosław Kaczyński, die Demokratie-Fräse aus Polen sind in Champagnerlaune. Mit den vielen Milliarden können sie nun in aller Ruhe weiter am Ausbau ihrer Unrechtssysteme basteln. Andere Wackelstaaten werden ihrem Beispiel folgen.

Die Europäische Union behauptet, eine Wertegemeinschaft zu sein. Anscheinend ist beim Billionenpoker da in manchen Hirnwindungen etwas durcheinander geraten. Geld ist ein Tauschmittel und eine Recheneinheit.
Werte sind etwas ganz Anderes: Freiheit – Mitmenschlichkeit – Würde z.B.
Sie sind nicht verhandelbar, kein Gegenstand von Kompromissen.

Dass die EU jetzt insgesamt darauf verzichtet hat, auf die Einhaltung von Werten zu pochen, die sie erst zu einer Union machen, ist erbärmlich.  

Übrigens, ihr Politprofis, hartgesotten und genauso kurzsichtig, die Billionen nützen euch wenig für eine verheißungsvolle Zukunft. Geld ist nicht genug. Wir brauchen Werte.

Und die sind unbezahlbar.

Ernüchternd!

Ein Gespräch mit zwei Landtagsabgeordneten zur Kampagne wir sind #zukunftsrelevant
– von Lara Meyer aus dem Kirchenkreis Gifhorn –

Am Freitag, den 3. Juli, haben unser Kirchenkreisjugendwart, Andreas Schulze-Mauk, unser aktueller FSJler Nikolas und ich, als Vertretende der Evangelischen Jugend, im Kirchenkreis Gifhorn uns gemeinsam mit Jonathan, als Vertreter der Pfadfinder Ata Ulf vom BdP, und Vorstandsmitglied des KKJK, und zwei Vertreter*innen der queeren Wespen mit zwei Landtagsabgeordneten aus den beiden Wahlkreisen unseres Kirchenkreises getroffen.

Das Gespräch mit Philipp Raulfs (30) und Tobias Heilmann (44), beide von der SPD, dauerte ungefähr eine Stunde. Es war geprägt von der Frage, warum die kommerziellen Anbieter*innen sich mit einer höheren Teilnehmendenzahl als die Jugendverbände treffen und Freizeiten veranstalten dürfen.

Unterschiede sind schwer zu verstehen

Die erste Reaktion war die Feststellung, dass es den Landespolitiker*innen selbst nicht leicht fällt diese Unterschiede in der Verordnung zu verstehen und sie diese erst recht nicht begründen könnten. Aber sie seien froh über das vorsichtige Vorgehen bei den Lockerungen in Niedersachsen, was sich ja in den Infektionszahlen widerspiegle. Eine klare Stellungnahme, ob sie diese unterschiedliche Behandlung für unangebracht halten, gab es nicht, nur die Versicherung, dass sie uns verstehen.

Das ist ernüchternd! Uns wurde die Frage gestellt, ob es denn überhaupt Menschen in den Jugendverbänden gibt, die es sich zutrauen würden das Risiko einzugehen, Veranstaltungen mit mehr als zehn bzw. 16 Personen durchzuführen. Wir haben den Rat erhalten, ein Hygienekonzept über die Abgeordneten an das Sozialministerium weiterreichen zu lassen. Darin soll die Durchführung einer Veranstaltung in der gewünschten Gruppengröße beschrieben werden. Wäre das einwandfrei, hätte das Sozialministerium keinen Grund es abzulehnen bzw. die Verordnung nicht dementsprechend anzupassen.

Auf die Feststellung, dass auch Kontaktsportarten mit 30 Teilnehmenden wieder zugelassen sind, folgte der Kommentar, unterschiedliche Zahlen gegeneinander aufzuwiegen, bringe einen nicht weiter. Es kam zudem der Vorschlag, die Vereinbarung des Landes Niedersachsen mit der Landeskirche – „Niedersachsen hält zusammen“ – als „Schlupfloch“ zu nutzen: Hier sollen Studierende in den Räumlichkeiten der Kirche Schüler*innen den verpassten Unterrichtsstoffes vermitteln. Nach dem Wissen der Abgeordneten gebe es keine Begrenzung in der Anzahl der Teilnehmenden.

Wir werden nicht verstanden

Das hat mir leider das Gefühl gegeben, dass sie unser Anliegen, dann doch nicht verstanden haben. Positiv war die Feststellung, dass die Jugendbildungsstätten unter einen Rettungsschirm gekommen seien. Dann folgte die Belehrung, dass es nach der Corona-Krise zu drastischen Einsparungen wird kommen müssen. Wir wurden auf die Kompetenz des Kreistags hingewiesen, regionale Regelungen zu treffen. Gerade nach den Sommerferien könnte deren Bedeutung noch einmal steigen. Und schon waren wir bei der Werbeeinheit für die Kommunalwahlen: Wir sollten uns doch aufstellen lassen.

Endlich haben wir die Worte gefunden, mit denen wie die beiden Abgeordneten in meinen Augen am meisten beeindrucken konnten:

Es erschüttert unser Demokratieverständnis, wenn Jugendverbänden, die politische Bildung betreiben und sich die Vermittlung eines positiven Demokratieverständnisses zum Auftrag gemacht haben, von der Politik zu der sie immer den Kontakt suchen und bei der sie für sich ein Bewusstsein zu schaffen versuchen, so vergessen, benachteilig und gehindert werden in ihrer Arbeit und die kommerziellen Anbieter bevorzugt werden.

Sinntag

Mein Smartphone ist zu klein für meinen unsmarten Daumen. Wenn ich eine Nachricht schreibe, haut er ziemlich oft daneben. Mich nervt’s, und andere amüsiert‘s.

Ja, ich rede nur von einem und enttarne mich hiermit als digital retard, dem das Phone runterfällt, sobald er beide Daumen einsetzt.
Nichts zu machen!
Mir bleibt schleierhaft, wie andere es schaffen, jeweils nur eine statt zwei oder drei dieser winzigen Tasten zu berühren.

Es ist schon ein hartes Schicksal, mit Wurstfingern durchdie Welt zu laufen.
Immerhin: hin und wieder schafft mein Daumen auf diese Weise neue Tatsachen und kreiert Zusammenhänge, die sonst unentdeckt geblieben wären.
Vor kurzem ging es um ein bestimmtes Treffen und die Frage, wer alles daran teilnimmt.
Das Gespräch lief über eine der einschlägigen sozialen Internetplattformen, per Smartphone natürlich:

  • C: Vielleicht können wir vorher schon grob planen, was ihr für einen zeitlichen Rahmen anpeilt. Ich könnte mich dann Samstagabend noch ins Auto setzen und wäre dann Sonntag dabei. Ich fahre ungefähr 2 Stunden 40. Da wäre es aber natürlich fein, wenn Sonntag nicht nur noch Abreise wäre!
  • Ich: Sinntag geht es meist nur bis Mittag. Ich würde sagen, das lohnt sich für Dich nicht.
  • Ich: Sinntag, hahaha. Ich meine natürlich Sonntag
  • S: Das mit Sinntag ist doch eine super Idee. Ich finde der Tag sollte umbenannt werden. Ich fand Sonntag schon immer langweilig. Leierst du das mal an?
  • M: Sinntag halte ich persönlich für zu viel Druck. Am Sonntag möchte ich auch mal sinnbefreit entspannen können.
    T: Wann treffen wir uns jetzt?
  • S: Freitag bis Sinntag!
  • Ich: Sinnfreitag für M.

Ja, es ist Freitag. Das Wochenende ist im Anflug.

Ich weiß natürlich nicht, was ihr vorhabt: ob nix, ganz viel, Ruhiges oder Wildes, das Gleiche wie immer oder etwas total Neues. Aber ist der Gedanke nicht schön, am Ende der Woche (für andere ist es der Anfang) auf den Sinntag zuzusteuern, in dem beruhigenden Wissen:  was immer ihr an dem Tag treibt, es wird schon seinen Sinn haben.

Nach 6 Tagen Wahnsinn endlich einmal ganz in Sinn baden.  Oh jaaa! Und darum rufe ich euch zu:
Wascht ab den Blöd- und Schwach- und Irrsinn dieser Welt! Der Sinntag kommt.
Freuet euch, frohlocket (ok., das mit dem Frohlocken klingt vielleicht etwas zu pathetisch, also streiche ich das mal).

Ach, und wenn ihr es richtig anstellt, könnt ihr übrigens jeden Tag zu einem Sinntag machen.
Außer M., dem Guten, der es mit dem Sinn ja nicht so hat und ohnehin eher ein Kind der Nacht ist.
Was würde der wohl sagen, wenn er das hier lesen würde?

„Sinntag? So ein Unsinn!“

Verdammt, die Zeit!

Die Zeit hat keine Zeit! Sie fließt, rast, eilt, verstreicht, vergeht, verfliegt, saust dahin…
Stets auf dem Sprung. Immer in Bewegung. Dabei fragt man sich doch, warum?
Es wartet niemand auf sie; den Bus verpassen nur andere, sie ist nirgendwo eingeladen, und ein Ziel hat sie meines Wissens auch nicht. Sie will einfach nur weg!

Diese Ruhelosigkeit hat etwas Pathologisches. Ob eine Psychotherapie helfen würde? Ein Optimist, wer auf Selbsterkenntnis hofft.

Doch die Zeit macht sich nicht nur ständig vom Acker. Sie besitzt auch die unangenehme Eigenschaft, sich großzügig bei anderen zu bedienen.
Kaum drehst du dich um, schon hat sie dir einen Tag aus der Tasche geangelt und schnitzt dir dafür eine Kerbe in die Visage, so wie der Wirt seine Striche macht auf dem Bierdeckel.

„Aber ich habe doch gar nichts bestellt?“
„Der Herr(gott) an der Theke gibt eine Lokalrunde aus.“
„Auf unsere Kosten?“
„Naja, einem geschenkten Gaul schaut man doch nicht ins Maul, oder?“
„Aber ich weiß gar nicht, ob ich das überhaupt noch bezahlen kann.“
„Da machen Sie sich mal keine Sorgen. Am Ende bezahlen alle Ausnahmslos.“

Schluck. In früheren Zeiten musste man sich ernsthaft Sorgen machen.
Einmal abwaschen reichte nicht aus, sich das Fegefeuer zu ersparen.
Heute wissen wir es besser. Während wir noch panisch mit unserer EC-Karte herumfuchteln, wohl wissend, dass unser Guthaben nicht ausreicht, wird uns gesagt, dass die Rechnung längst beglichen ist.

„Von wem denn?“
„Der Herr(gott) da an der Theke hat das für Sie übernommen.“
Oh,danke!“
„Ja, schon gut. Und jetzt raus hier!“

Aber ich schweife ab. Zurück zum Thema.
Manchmal habe ich das Gefühl, Zeit ist ein Glas Wasser in der Jackentasche.
Umgestülpt natürlich.

Gestern stellten meine Kollegin und ich fest, dass wir schon Mitte Juli haben (was heißt hier haben?).
Beängstigend!

Wir alle leiden sozusagen an temporaler Inkontinenz. Überall und ständig leckt es aus uns heraus.
Das Bild ließe sich weiter vertiefen.
Lieber nicht!

Temporal betrachtet sind wir alle Habenichtse bzw. steuern frontal auf die Insolvenz zu.

Was folgt daraus?

Nicht Depression, sondern Aktion.
Handeln, nicht abwarten.
Durchstarten. Loslegen.

Wer nichts zu verlieren hat, muss sich nicht sorgen.

Also, nicht resignieren. Stattdessen: Ideen ausbrüten, Pläne schmieden, die Zeit ausfüllen, sich verausgaben, sich verschenken.

Ich glaube, wer das so praktiziert, wird nahe dran sein an einer anderen Art von Zeiterleben, darin die Zeit paradoxerweise nicht länger fortgeht, sondern zur Ruhe kommt.
„Meine Zeit steht in deinen Händen,“ heißt es im 31. Psalm (16a), der voll atemloser Bedrohungen steckt, an dieser Stelle aber in die Windstille navigiert.

Und es ist nicht einfach Zeit, es ist meine Zeit, die sich in Gottes Obhut befindet.

Sie geht dort nicht verloren.
Und wir auch nicht.

Ich fühl‘ mich heut‘ so digital…

…mal wie ne Eins, mal wie ne Null.

Das ist ein Scherz, den ich seit langem anbringen wollte.
Jetzt hat es endlich gepasst, auch wenn das Niveau eher etwas für geübte Limbo-Tänzer ist (ihr wisst: die mit weit nach hinten gebeugtem Rücken unter einer niedrigen Stange hindurchtanzen müssen, ohne sie zu berühren).


Aber im Ernst:
Gestern hatten wir zu einem Webseminar zum Thema Spiritualität in digitalen Räumen eingeladen.

Klar wurde: viele benutzen zwar digitale Formate, doch denken sie dabei analog. Einen Gemeindebrief als pdf hochladen, verfehlt die Möglichkeiten des Web komplett.

Hier geht es um das, was Kirche oft so schwer fällt: Beteiligung, Spiel, Ausprobieren mit der Möglichkeit, auch etwas falsch zu machen.

Eine Trennung zwischen der analogen und digitalen Welt zu ziehen, ist Unsinn, da sich die beiden Welten vermischen und das eine im anderen ebenfalls denkbar ist. Crossmedialität ist die neue Normalität.
Eine ganze Reihe von Themen wurde angesprochen.

Am wichtigsten ist für mich der Ansatz der Ressourcenteilung. Nicht eine hauptamtliche Person muss alles machen, sondern viele steuern ihr Wissen, ihre Begabung bei. Das mag Kontrollverlust bedeuten und die Kirche ein wenig anarchischer machen. Das wird ihr aber einen deutlichen Frischeschub verleihen können.

Wenn wir Digitalität als vernetztes Denken und Sein begreifen, dann entstehen zugleich neue theologische Fragen und Perspektiven, die den Blick auf Gott und uns verändern. Wer nach sich fragt, wird zugleich Gott und die Mitwelt in den Blick nehmen müssen. Wir sind nicht isoliert. Wir können nicht über uns nachdenken ohne die anderen, ohne den Anderen.

Spannende Aussichten!